Das Engadin

on the rocks

Text
Claude Hervé-Bazin
Erscheinungstermin
Winter 2021-2022
Das Engadin

Mit seinen 173 Gletschern und einer stattlichen Sammlung zugefrorener Seen verwandelt sich das Engadin im Winter in ein Eisparadies. Hier gleitet man von morgens bis abends mit Schlittschuhen an den Füssen oder einem Schirm über dem Kopf. Es sei denn, man wagt sich an die zu XXL-Eiszapfen erstarrten Wasserfälle.

Ein schmucker Bahnhof, ein weisses Hotel, grosse Schneebänke und gezuckerte Wälder und Berge. Auf der malerischen Bahnlinie des Bernina Express (UNESCO-Welterbe) nur 25 Minuten von St. Moritz entfernt wirkt die kleine Station Morteratsch wie die Quintessenz der Schweiz. Kaum ist die Schranke oben, knirscht der breite, wattige Weg entlang des zugefrorenen Bachs unter den Schneeschuhen.

In der Ferne signalisieren Markierungen den Rückzug des Morteratschgletschers. Der längste Gletscher des Engadins ist seit 1900 um mehr als 2,5 Kilometer geschrumpft. Geblieben sind 5,5 Kilometer Seracs, verborgen unter einer pulvrigen Schneedecke. Im Sommer, wenn sich das Schmelzwasser seinen Weg nach draussen bahnt, bildet der weisse Riese faszinierende Eishöhlen. Mit einem Führer der Bergsteigerschule Pontresina kann man diese vergänglichen Grotten betreten und die schuppenartigen, in der Sonne schillernden Gewölbedecken und die bläulich schimmernden Wände auf sich wirken lassen.

SCHLITTSCHUHE UND EISWEGE
In Graubünden gehören Schlittschuhe zum Alltag. Sobald die Temperaturen sinken, entstehen überall im Kanton natürliche Eisbahnen. Als Dach dient ihnen der Sternenhimmel. Auf dem St. Moritzersee, dem Lej da Staz, Lej Nair, Lej Marsch und dem Lej da Champfèr kurven Gäste und Einheimische ausgelassen über die gefrorenen Flächen. Wenn der Frost anhält und kein Neuschnee fällt, bildet sich Schwarzeis: eine feste, durchsichtige und spiegelglatte Kruste, die von oben tiefschwarz glänzt und auf der die Kufen gleiten wie der Bogen auf einer Geigensaite. Unter den Wellenbewegungen singt, vibriert und summt die Oberfläche. Es klingt, als würde Musik aus der Tiefe emporsteigen...

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Das Engadin
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